Geschichten des Wandels #05/2021: Permakultur 0.0 oder eine Reise zur inneren Permakultur

Autorin: Sabrina Furrer



Wie der Titel andeutet, geht es im Folgenden um die Permakultur Zone 0. Das gefürchtete und etwas unliebsame Thema der inneren Permakultur.


Mensch und Umwelt

Früher gab es in der Schule das Fach M/U - Mensch und Umwelt. Da kam alles Mögliche rein, aber meistens fand ich es sehr spannend. Es ging um Ökosysteme, Politik, Naturschutz - alles Themen, die mich auch heute noch bewegen. Bewegen tue ich mich bei der Arbeit draussen mit dem Körper, renne hin und her zwischen Gärtnereibüro und Gewächshaus und Acker: schreiben, telefonieren, setzen, spatnen, mähen, mulchen... Ich fahre mit dem Velo, dem Auto oder dem Zug von einem Permakulturanlass zum nächsten: Planungen, Kurse, Treffen… Gespräche führen, Kontakte knüpfen, Ideen spinnen und ausprobieren.


Ich fühle mich dankbar, dass ich meine Zeit mit Tätigkeiten füllen kann, die mir etwas bedeuten. Wenn ich ehrlich bin, gibt es auch immer wieder Zeiten dazwischen, während denen ich mich von all der äusseren Bewegung erholen muss. Das Gestresstsein als Teil des Status ist etwas, dass ich nicht mehr pflegen möchte. Innere und äussere Bewegung findet natürlich gemeinsam statt, aber ihr kennt das vielleicht auch, dass man zeitweise verbunden ist in beide Richtungen, manchmal nur nach aussen und manchmal fühlt man sich gar nicht verbunden. Erlebnisse wollen verdaut und integriert werden. Dafür brauche ich Pausen und Ruhe.


*seeing wetiko

Wetiko ist ein kannibalischer Dämon, der unter verschiedenen Namen bei einigen Kulturen der Indigenen Nordamerikas vorkommt. Er ist getrieben von Gier, Exzess und selbstsüchtigem Konsum. Man glaubt, dass dieser Dämon seine hosts von innen heraus vergiftet. Wetiko bezeichnet sowohl das Verhalten als auch den Dämon selbst oder seinen host. Einige tribes erklärten sich die weissen Kolonialmächte mit Wetiko. Der Text geht weiter und stellt die Frage, inwiefern wir alle von Wetiko besessen sind und was wir von indigenen Völkern lernen können im Umgang damit. Es ist auch ein sehr politischer Text, der sagt, dass Kapitalismus eine Manifestation von Wetiko ist. Die Autoren schlagen vor, durch Neu-Knüpfung von Beziehung zur Natur in ein post-Wetiko Zeitalter einzutreten.


modus operandi

Ich frage mich immer öfter: Wie stark lebe ich im Kopf, im Herzen und im Körper im kapitalistischen Mehr-ist-mehr-Prinzip? Oder im Kämpfer-/Kriegermodus? Oder im Ich-muss-das-alleine-schaffen-Denken? Wie tief ist dieser Wetiko in mir verankert? Wieviel Raum nehmen diese Muster ein? Wie beeinflussen sie meine Bewegungsrhythmen?


Wenn ich im Wetiko-Modus bin, laufe ich auf Hochtouren, ohne wirklich im Kontakt zu sein. Das dauert solange, bis ich nicht mehr kann oder bis Ueli mich daran erinnert, nicht zu kollabieren. Danach kommt je nach Intensität eine Zeit der Erholung oder Erschöpfung. Wenn ich im Wetiko-Modus bleibe, kann ich mich nicht aktiv erholen und "hänge einfach rum", bis es mir wieder gut geht. Der Akku ist wieder geladen, aber ohne wirkliche Verbindung zu einer nachhaltigen Energiequelle.


Wenn ich nicht im Wetiko-Modus bin, kann ich im regelmässigen Kontakt sein mit meiner Aussen- und meiner Innenwelt und versuchen, das Gleichgewicht zu halten. Ich weiss dann, dass ich nicht alleine bin. Dass wir alle zusammen an einem schönem farbigen Teppich weben, der uns weiterträgt. Dass ich nicht kämpfen muss, sondern Dialoge führen kann, die zu Frieden führen. Dass das Leben prallvoll ist, bis an den Rand gefüllt, auch mit Liebe. Glücklicherweise konnte ich über die letzten Jahre viele Mechanismen oder Warnsignale kennenlernen, die oftmals greifen bevor es mich verheizt. Dann sind die Zeiten der Bewegung ein Erleben der Verbundenheit, ein tiefes Gefühl von Vertrauen, auch wenn die Logik manchmal dagegen spricht.


Wende

Fragen der Nachhaltigkeit werden mit einem Mal persönlicher und ich frage mich zum Beispiel: Was hat es für Auswirkungen, wenn ich nicht ausreichend schlafe? Nicht nur für mich, sondern auch für meine Umwelt. Ich trinke dann mehr Kaffee, bin gereizter gegenüber Mitmenschen und zehre an meiner Gesundheit, vielleicht treffe ich sogar ungute Entscheidungen etc. Eine andere Frage, die ich mir stelle: wie kann ich mich aktiv erholen? Statt passiv auf facebook herumzuscrollen kann ich mich bewusst hinsetzen und meditieren oder einen Spaziergang mit Kater Moritz machen und das Grün um mich herum aufsaugen. Das benötigt keinen Strom und ist gut für mein Nervensystem. Ich kann auch die harte Pilates Stunde nicht als to do auf meiner Liste wahrnehmen, sondern als Geschenk an mich zum Dehnen und Atmen, zum in Kontakt sein mit meinem Körper. Was ich mit all dem sagen möchte ist, dass wir auch mit einem konsum-orientierten mindset Permakultur betreiben können. Ich kann auch Permakultur im Wetiko Modus betreiben! Und wie Toni in seinem Text erwähnt hat, in die dualistische Falle tappen von scheinbar "gut und böse", anstatt zu unterscheiden zwischen "gelingend und nicht gelingend". Ich kann ein tolles Design machen, welches aber der Zugehörigkeit des Menschen zur Natur keine Rechnung trägt.


best life – Optimierungswahn

Eine weitere wetiko-Falle ist der Optimierungswahn. Wie kann ich in diesen Verwandlungsprozessen entspannt bleiben und offen ohne den Dämonen Schuld und Scham zu verfallen? Denn sie sind selten förderlich und entstammen der dualistischen Sicht auf uns selbst und die Welt. Oder ein Design abgeben und annehmen obwohl es nicht perfekt ist, im Wissen darum, dass der Prozess ein Kreislauf ist und dass Optimierung nie ganz abgeschlossen ist, dass wir immer ein bisschen im Transit sind. Auch unsere Beziehungen zu anderen und uns selbst und v.a. zur natürlichen Welt sind so unterwandert vom kapitalistischen Profitdenken! Der Optimierungswahn ist ein grosser Teil davon und ich weigere mich einfach da weiter mitzumachen. Es gibt wahrnehmbare Unterschiede zwischen einer Handlung aus Optimierungswahn / Schuld / Scham / falschem Verpflichtungsgefühl heraus und einer Handlung aus Freude / Liebe / innerstem Bedürfnis. Die Arbeit mit dem Körper und dem Atem hilft mir sehr dabei da spürsam zu bleiben. Unsere Körper und unserer Atem sind für mich die direktesten Verbindungen zur Natur. Sie sind Tore, die meistens offen stehen.


Fürsorge

Wie können wir Sorge tragen zur Erde ohne zu uns selbst Sorge zu tragen? Earth care beinhaltet doch people care, denn wir sind nicht getrennt von der Erde. Wie tief diese Illusion in uns verankert ist, wird mir immer mehr bewusst. Bis in die kleinsten, dunkelsten Winkel. Sicherlich möchte ich auch keine ständige Nabelschau veranstalten und mich nur um meine eigenen Bedürfnisse kümmern. Im Gegenteil, es geht um die Verschiebung der Wahrnehmung von ich zu wir. Und ich bin ein Teil von wir. Zwar ein klitzekleiner, aber doch Teil. Wie kann ich Mitverantwortung für das Grosse Ganze tragen, wenn ich für das grosse Geschenk meines eigenen Lebens keine Verantwortung trage? Ich weiss, dass es trotz guter Vorsätze und auch trotz viel Übung immer wieder Phasen geben wird, wo mich Wetiko oder irgend ein anderer Dämon packen. Auch gewisse blinde Flecken, grosse und kleine, bleiben bestehen.


Zum Glück gibt es viele Geschenke die Mitmenschen einem machen; Vorbilder und Wegbegleiter. Ob wir uns auch fürsorglich um Wetiko kümmern können? Ein kannibalistisches, gieriges, unersättliches Monster? Ja, da bin ich ganz sicher. Mit dem richtigen Futter wird es sich in etwas Neues verwandeln. Ich setze meinen Wetiko auf eine Diät von freundlicher Disziplin, Vertrauen, Mut und Verbindung. Lasst uns zu einander Sorge tragen. Einander achtsam und freundschaftlich Feedback geben und dieses auch annehmen. Einander motivieren und ergänzen. Einander unterstützen und herausfordern. Auf unsere Körper und ihre Signale achten. Unseren Atem als Botschafter wertschätzen. Nachhaltig die Welt um uns herum zu verändern heisst auch, das auf nachhaltige Art und Weise mit uns selbst zu tun, als Individuen und als Gruppen. Ausrichten. Immer wieder. Den inneren Kompass auf Norden stellen. Oder von mir aus auf Süden, ich bin nicht dogmatisch und mag die Wärme lieber als die Kälte. Wie begegnet ihr eurem Wetiko? Lasst es mich wissen! Lasst uns Ansätze und Ideen austauschen. Euch allen wünsche ich einen schöne Transition hier auf unserem schönen Heimatplaneten.


Dieser Text entstand inspiriert durch Texte von anderen Permakultur-Menschen, durch die online Anlässe von Starhawk und diesen Beitrag.


In dieser Serie stellen Teilnehmer*innen des Permakultur Lernfeld von Planofuturo Projekte, Geschichten, Erlebnisse etc. aus ihrem Permakultur-Lernweg zum/zur dipl. Permakultur-Designer*in vor.


Sabrina Furrer ist der Permakultur vor einigen Jahren im costa-ricanischen Dschungel über den Weg gelaufen. Seither verbindet sie pädagogische Arbeit mit Gärtnern. Seit 2020 ist sie mit planofuturo auf dem Weg zur Designerin.


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