Geschichten des Wandels #04/2021 / Von der Asphaltterrasse zum Permakulturgarten

Autor und Bilder: Daniel Fleuti


Kann man Asphalt zum Blühen bringen? Ich schaue durchs Wohnzimmerfenster auf unsere Terrasse und stelle mir vor, wie die graue Fläche da draussen sich mit Leben füllt. Ich sehe knackige Salate, saftige Tomaten, frische Gewürze, gesunde Tees, frech leuchtende Feuerbohnen und süsse Beeren. Und ich sehe Blumen in allen Farben. Noch ist unsere Terrasse eine Einöde. 50 Quadratmeter Asphalt, vom Morgen bis am Abend der Sonne ausgesetzt, mit Temperaturen, die es im Sommer verunmöglichen, draussen zu sitzen.


Eifer überrollt die Planung Es ist April 2019. Eben habe ich meinen Permakultur-Design-Kurs (PDC) begonnen, bei Beat Rölli und Bastiaan Frich. Aus dem Auftaktseminar ist mir ein Satz hängen geblieben: „Permakultur heisst, Wüsten zu begrünen“. Ein eigener Garten ist seit Langem mein Traum. Dass dieser statt auf Mutter Erde auf einem Stück Asphalt liegen könnte, kam mir nicht im Traum in den Sinn. Wo aber käme Permakultur besser zu tragen als auf einer kaum genutzten Terrasse und in einem Quartier, das aus Ziergärten, Rasenflächen und Parkplätzen besteht? Ich beschliesse, das Abenteuer zu wagen.



Bei der Projektumsetzung orientiere ich mich am 6D-Planungsprozess von Beat Rölli und Bastiaan Frich: Dream, Discover, Develop, Define, Design, Deliver. Mein Eifer bringt den Ablauf aber immer wieder durcheinander, und noch bevor irgendetwas sauber geplant ist, räkeln sich ein Dutzend Töpfe mit Salatsetzlingen unter der Frühlingssonne, ein Habichtskraut zaubert Farbtupfer aufs Asphaltgrau und ein knallgrünes Wasserfass wartet darauf, seiner Bestimmung zugeführt zu werden.


Zu Beginn schliesse ich die Augen und male mir meinen Garten aus (Dream). Primär soll er uns, meine Wohnpartnerin Andrea und mich, mit gesunden Lebensmitteln versorgen sowie Insekten und Schmetterlingen einen reich gedeckten Tisch bieten. Weiter möchte ich unsere Asphaltterrasse wohnlicher gestalten, Erfahrungen als Gärtner sammeln, die Biodiversität im Quartier erhöhen und ein Zeichen setzen für mehr Artenvielfalt und Naturnähe im Alltag. Mit schwebt ein Garten aus lauter Töpfen vor, kleinen und grossen, bunten und schrillen. Ein Feuerplatz soll zur Gemeinschaft gehören, und ein Sitz- und Essensplatz. Mit diesem Bild starte ich die Entdeckungs- und Entwicklungs-Phase (Discover und Develop). Und werde bald staunen.


Mit einfachen Mitteln umsetzbar Unser Haus, ein Mietshaus mit vier Wohnungen, befindet sich im Kern des historischen Städtchens Elgg (ZH). Die nach Süden ausgerichtete Terrasse ist zwar Wind und Wetter schutzlos ausgeliefert und bietet ausser einer Sonnenstore keine Beschattungsmöglichkeit. Aber sie hat ein Fallrohr mit Wasserklappe, womit ich das Regenwasser vom Dach nutzen kann. Zudem ist die Terrasse tragfähig genug für einen Topfgarten. Dies bescheinigt ein vor Vermieter eilends herbei gerufener Baustatiker. Bei der Material- und Pflanzensuche lasse ich mich von folgenden Prinzipien leiten: einfach und ohne eigenes Auto umsetzbar, günstig oder gratis zu haben, regionale Herkunft, wiederverwenden statt neu kaufen, kreative Wege gehen und vorhandenes Potenzial nutzen.



Die Schätze, die unser Dorf und die nähere Umgebung hergeben, sind enorm. Drei Gärtner decken mich gratis ein mit Kunststofftöpfen, Anzuchtschalen, Vlies und Kompost. Nachbaren liefern weitere Töpfe dazu, der Dorfbach steuert Steine bei für die Drainage in den Töpfen und Sand für magere Erde. Fürs Düngen stehen mir, nebst Gärtners Kompost, jede Menge Brennnesseln für selbst gebraute Gülle sowie Dung vom Elgger Lamahof zu Verfügung, der einzige Biobauer im Dorf schenkt mir zum Mulchen Heu und Stroh, bei Wasserknappheit darf ich den Wasseranschluss der Vermieter in ihrem Garten nutzen. Für die Gartengestaltung und zur Materialaufbewahrung finde ich ausrangierte SBB-Paletten und Palettendeckel. Jetzt fehlen nur noch die Erde, die Pflanzen und das Gärtnerwissen.


Sackweise Erde per Post Eine Erstausrüstung Erde, rund 1200 Liter, stammt aus der Landi im Nachbarort und wird mit Hilfe lieber Nachbaren beschafft. Später entdecke ich, dass ich Bioerde in die nahe gelegene Coop-Filiale liefern lassen und von dort Sack um Sack mit dem Velo heim transportieren kann und dass sogar die Post über Onlinehändler das begehrte Gut bis vor die Haustüre bringt. So finden im Laufe der Zeit weitere 1200 Liter Erde in meinen Garten. Pflanzen beschaffen kann ich an den Pro-Specie-Rara-Märkten und in den Biogärtnereien der Region, zudem rüste ich mich für den Start ins Gärtnerleben mit reichlich Samen aus. Das Wissen schliesslich erlange ich über das Internet und das Handbuch Bio-Balkongarten aus dem Verlag Arche Noah.


Bevor ich mich ans Design mache, erstelle ich in der Define-Phase eine Kosten-Nutzen-Analyse. Als grösste Herausforderung zeigt sich der Wasserbedarf. Die Terrasse ist gross, Töpfe kommen viele zusammen. Auf Grund deren Beschaffenheit aus Kunststoff und der enormen Sonnenbestrahlung werden sie sehr viel Flüssigkeit benötigen. Länger als zwei Tage alleine lassen kann man den Garten nicht – es sei denn, es regne. Die anschliessende Design-Phase erlebe ich als kreativ und lustvoll. Salate, Gemüse, Blumen, Beeren und Kräuter werden in meinem Garten wachsen, alles einheimische Sorten und in Bio-Qualität mit einigen Pro-Specie-Rara-Vertretern darunter. Bei der Anordnung der Töpfe halte ich mich an die Zonierung: Was täglich gebraucht wird wie Salate und Kräuter kommt nahe der Balkontüre zu stehen. Gemüse und Beeren, die langsamer wachsen, stehen weiter weg. Die Blumentöpfe platziere ich überall dazwischen – damit der Garten schön bunt wird.


Ein Wald aus Basilikum

Und ob er das wird! Zwei Monate nach dem Start besiedeln über 120 Töpfe unsere Terrasse. Die Vielfalt ist einzigartig. Ringelblume, Habichtskraut, Sonnenhut, Schlafmohn, Kornblume, Lavendel, Kapuzinerkresse, Aster, Königskerze und Lein sorgen für Farbtupfer, Petersilie, Thymian, Salbei, Basilikum, Oregano und Kresse für den guten Geschmack im Teller. Nahezu täglich ernten wir Salate wie Lollo, Eichblatt, Frisee, Ruccola, Nüssli und Salanova, zum Dessert gibt’s Erdbeeren, Himbeeren, Johannisbeeren und Stachelbeeren. Tomaten, Auberginen, Chili und Peperoncini geht es bestens, obwohl sie kein Tomatenhaus haben und Wind und Regen voll ausgesetzt sind, Mangold, Spinat, Feuerbohnen und Lattich gedeihen ebenfalls wunderbar. Zu unserer Verwunderung ist es selbst den Randen wohl. Sie haben zwei 50-Liter-Töpfe gekriegt, bis in den November hinein ziehen wir grosse, saftige Knollen aus der Erde.


Der Star aber ist der Basilikum: Im 80-Liter-Kübel fühlt er sich so wohl, dass wir einen kleinen Basilikum-Wald unser Eigen nennen. Mit Essen mögen wir nicht nach. Mein Permakultur-Terrassengarten ist während zwei Jahren mein ganzer Stolz. Immer wieder kommen Menschen zu Besuch, staunen und nehmen etwas zum Essen mit. Im zweiten Jahr ihres Bestehens hat sich die Pflanzengemeinschaft so gut eingespielt, dass ich mit minimalem Aufwand auskomme. Einige Gewächse haben sich vom Vorjahr selber versamt, Mehrjähriges hat den Winter gut überstanden, der Wind bringt Neuankömmlinge wie Nachtkerzen und roten Eisenhut mit. Mulchen mit Heu und Stroh bewährt sich, und alle paar Wochen frische Brennnesseljauche ausbringen befreit mich vor einer komplizierten Fruchtfolge.


Zum Abschluss: Aktion blühendes Elgg Das letzte Kapitel in meinem Garten schreibe ich im Frühling 2021. Wir müssen Ende März unsere Wohnung verlassen, und die Pflanzenfamilie will irgendwo untergebracht werden. Flugs ist die Idee geboren, die Töpfe mit Blumen frisch anzusäen und sie im Dorf zu verschenken. Ich kreiere einen Aushang mit dem Titel „Aktion blühendes Elgg“, und keinen Tag später stehen die ersten Menschen vor der Türe. Etwa 80 kleine und grosse Gefässe bringe ich so unter die Elggerinnen und Elgger. Den Rest nimmt eine liebe Freundin aus dem Permakultur-Design-Kurs in Obhut, bis ich wieder einen Garten habe.

Heute bin ich meinem Garten unendlich dankbar. Er hat mich gelehrt, dass man mit Permakultur Träume verwirklichen und Paradiese schaffen kann. Überall.


In dieser Serie stellen Teilnehmer*innen des Permakultur Lernfeld von Planofuturo Projekte, Geschichten, Erlebnisse etc. aus ihrem Permakultur-Lernweg zum/zur dipl. Permakultur-Designer*in vor.


Daniel Fleuti ist seit 2020 Teilnehmer am Permakultur Lernfeld von Planofuturo. Hier erzählt er von einem seiner 10 Diplom-Projekte auf dem Weg zum dipl. Permakultur-Designer. Daniel Fleuti arbeitet als freischaffender Journalist, Fotograf und Wanderleiter.


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