Geschichten des Wandels #03/2021 / Replik: Im Sauerteig schlummert viel Glück!

Autor: Mischa Brüschweiler

Bilder: WIX Library


Replik auf den Artikel Schlummert im Sauerteig das Glück des Lebens? (Claudia Mäder, NZZ, 28. November 2020)

"Vom Brot über den Schal bis zum Pult: Alles wollen die Menschen heute selber machen. Das schone den Planeten und dämme den Massenkonsum ein, jubilieren Aktivisten aus Stricknadelkreisen. Tatsächlich spricht aus dem propagierten Eigenbau vor allem ein übersteigerter Eigensinn."


Ein Artikel, der sich kritisch mit dem Thema Selbstversorgung auseinandersetzt. Welche Aspekte blendet die Journalistin aus? Wo hat sie bezüglich der Grenzen der Selbstversorgung recht? Mit dieser Replik möchte ich eine Beitrag leisten um unsere Argumentation zu schärfen, wieso es aus Sicht der Permakultur sinnvoll ist, die Selbstversorgung zu fördern.


Schlummert im Sauerteig das Glück des Lebens?

Dies ist die Überschrift des Artikels. Die Haltung der Autorin dieser Frage gegenüber wird sehr schnell klar. Zum Einen sei Eigenbau vor allem Eigensinn und zum Anderen glaubt sie auch nicht, dass das Selbermachen glücklich macht. Sie gibt ihre seit der Schulzeit anhaltende Abneigung gegen das Basteln sowie Werkeln und damit ihre Voreingenommenheit offen zu. Eben so wenig sieht sie einen positiven Effekt für die Umwelt und auch der soziale Aspekt der Selbermach-Communities erfüllt in ihren Augen nur einen Selbstdarstellungszweck.


Kritik am Artikel entlang der Abschnitte

Die Autorin belegt und erklärt ihre Aussagen jeweils. Viele der Kritikpunkte sind gerechtfertigt. Dennoch will sie anscheinend auf keinen Fall ein gutes Haar an der Sache lassen. Für die Autorin ist Selbermachen ein Mittel um sich zu profilieren und im Trend mit zu schwimmen. Ich bekomme den Eindruck, Selbermachen sei eine unnötige Tätigkeit für Leute, die nicht wissen, was machen mit ihrer Zeit. Zudem entwirft sie das Bild, dass der Selbermach-Trend von der Wirtschaft und Politik erfunden wurde, damit die Arbeiter ihr Geld nach Feierabend so ausgeben und auf keine dummen Ideen kommen.


Selbstinszenierung:

Die Autorin hat richtig erkannt, dass Menschen den Hang haben, sich zu inszenieren. Ein eigenes Werk poliert das Ego auf und man identifiziert sich damit. Auch richtig ist, dass ein Trend zum Selbermachen zu beobachten ist und man sich auf verschiedenen Plattformen darüber austauscht. Ich sehe jedoch nicht, wieso diese Punkte gegen das Selbermachen sprechen. Mehr dazu im Abschnitt «Grenzen der Permakultur» weiter unten.


Ressourcenverbrauch:

Wenn man davon ausgeht, dass jeder Mensch der etwas selber machen will vorher einen Haufen an Werkzeugen und Werkstoffen kaufen muss und dann nur mässig produktiv ist, weil er ja diese Tätigkeit nicht gelernt hat, dann macht Selbermachen aus ökologischer Sichtweise tatsächlich keinen Sinn. In der heutigen Zeit mit überbordender Produktivität und damit einhergehender Zerstörung von Naturkapital kann es aus holistischer Betrachtung durchaus sehr sinnvoll sein, dass Tätigkeiten gefördert werden, deren Produktivität und Effizienz begrenzt sind. Zum Beispiel lokale Ressourcen nutzen, die arbeitsintensiver sind als der Einkauf im Supermarkt. Wenn dafür nicht haufenweise Material oder Werkzeug gekauft werden muss, weil eine starke lokale Community vorhanden ist, die gut vernetzt ist und wenn dabei sogar etwas produziert wird, das sonst eingekauft werden müsste, dann wird auf diese Weise das wirtschaftliche Wachstum ein klein wenig ausgebremst. Anschaffungskosten (Geld und graue Energie) von solchen Materialien haben in der Regel schon nach wenigen Malen Basteln eine bessere Bilanz im Vergleich zum Kaufen. Dennoch darf man diesen Punkt nicht unterschätzen. Leider ist es vielen Menschen fremd mit den vorhandenen Materialien zu arbeiten, es muss beispielsweise genau jenes aus der Bastelanleitung sein. Das führt dazu, dass tatsächlich viele Bastelmaterialien angeschaffen werden, die nur ein einziges Mal benutzt werden. Darum sind gute vernetzte Menschen wichtig, damit tauschen und ausleihen mehr gefördert, gelebt werden kann.

Nicht nur der ökonomische und der ökologische Nutzen sind wichtig, auch der soziale Nutzen ist nicht zu unterschätzen. Der Mensch ist gewissermassen auch eine Ressource. Der soziale Nutzen aktiviert Kompetenzen und Motivation von lokalen Menschen. Wenn lokale Kompetenzen eingesetzt werden, kann (wird) dies dazu führen, dass diese gestärkt werden. Bei vielen Dingen und in vielen Situationen (z.B. Krisen oder Kriege) ist der Zugriff auf globale Kompetenzen eingeschränkt. Es ist also wichtig, die Menschen zu befähigen selber zu machen, Stichwort Empowerment. Nicht zuletzt stärkt das auch das Gefühl, beziehungsweise das Erleben von Selbstwirksamkeit, was wiederum glücklichere und resilientere Menschen hervorbringt, was im Endeffekt die gesamte Gesellschaft stärkt.

Ebenfalls erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang die geplante Obsoleszenz. Industrielle Produkte also, die nach einer vom Hersteller geplanten Zeit kaputt gehen, damit die Konsumenten dazu genötigt werden ein Neues zu kaufen, um die Einnahmen des Unternehmens zu steigern. Recycling und reparieren werden durch diese Praktik erschwert bis verunmöglicht. Dies ist eine absolute Frechheit! Lange bevor man wie die Autorin Menschen anprangert, weil sie sich zur Selbermach-Bewegung zählen und dies vielleicht nicht auf die nachhaltigste Art und Weise tun, wäre es angebracht, solche Unternehmen in die Mangel zu nehmen und diese Praktik zu unterbinden.


Arbeit an sich selber:

Ich bin mir nicht sicher, wie die Überschrift des letzten Abschnitts „Arbeit an sich selber“ zu interpretieren ist. Es scheint mir, die Autorin will andeuten, dass jene, die sich als Weltverbesserer sehen, weil sie Dinge selber machen, lieber an sich selber arbeiten sollten, als an ihren Werken. Oder man kann es auch so interpretieren, dass die Leute gar nicht an der Verbesserung der Welt arbeiten, sondern an sich selber bzw. eben ihren Werken, von denen sich ja ihr Selbstbild nährt.

Auf jeden Fall gelangt die Autorin auch hier zu einigen vorschnellen Schlüssen. Natürlich verdanken wir der Arbeitsteilung viel. So wie sie das Argument aufführt, macht es aber den Anschein, dass jede Person im Idealfall nur etwas kann und das dafür die ganze Zeit macht. Spezialisierung zu Ende gedacht. Vielleicht praktisch, aber nicht lebendig, also nicht Lebenswert. Und das finde ich wiederum unpraktisch. Die Menschen müssen wieder lernen Dinge des tägliches Bedarfs, die man ohne grossen Material- und Wissensschatz herstellen kann, selber zu machen. Dies könnte bereits einen Teil der „Arbeitszeit“ einnehmen.

Nun möchte ich das Beispiel von Fab-Labs aufführen. Offene Arbeitsstätten, an denen es gute, oft teure Maschinen wie 3D-Drucker oder Laserschneidemaschinen und ähnlich hat, die man nach einer Einführung verwenden kann. Die Werke, die an diesen Orten entstehen, haben durch die Maschinen und den Austausch von Wissen und Know-How durch die Benutzer/Besucher von Fab-Labs eine hohe Qualität, die mitnichten an qualitativ schlechte „Basteleien“ erinnern. Privatpersonen teilen sich also Räumlichkeiten und Werkzeuge, wobei sie teure Maschinen, die sonst eher der Industrie vorbehalten sind, verwenden können. So entstehen qualitativ hochstehende Produkte, die individuell auf die Benutzer zugeschnitten sind. Die Macher lernen bei der Fertigung des Werks viel über die einzelnen Bestandteile und Verarbeitungsschritte. Das ist sehr wichtig, denn in der heutigen Gesellschaft, in der die Produktion meist weit weg vom Verbraucher geschieht, wissen immer weniger Menschen, was sie überhaupt konsumieren und wie diese Produkte entstanden sind, bzw. was es dazu alles braucht. Der Bezug zur Natur, zu Lebensmitteln und auch zur Kultur gehen dadurch verloren.

Kurz möchte ich auch noch auf folgenden Textabschnitt eingehen: „Lang haltbare Esswaren zum Beispiel konnte man schon um 1900 in Konserven kaufen. Doch das Selbstgemachte stand auch in der bürgerlichen Küche für die gute Sitte, und so hatte Johann Carl Weck eine clevere Geschäftsidee, als er um 1900 eine Fabrik für Einkochgläser und -apparate gründete.“ In diesem Abschnitt und in den darauf folgenden Zeilen wird klar, dass es aus Sicht der Autorin Zeit- und Geldverschwendung ist, sich Einmachgläser anzuschaffen, um selber Dinge einzumachen, obwohl man es ja fertig kaufen könnte. Es ist eine clevere Geschäftsidee Einmachgläser zu verkaufen und ein gutes Verkaufsargument ist mit der „guten bürgerlichen Sitte“ auch gegeben. Aber kauften und kaufen die Leute Einmachgläser nur um der Sitte zu entsprechen und dazuzugehören? Natürlich nicht. Der Vorteil und Gewinn der Selbstversorgung und Praktiken wie Konserven einmachen ist, dass so lokale Ressourcen direkt genutzt werden können (Brennholz, Boden im Garten, eigene Obstbäume...). Diese Ressourcen würden verloren gehen, da die Kosten zu hoch sind, um sie wirtschaftlich zu Nutzen. Es benötigt dazu nämlich viel Handarbeit, die teurer, langsamer aber auch weniger invasiv ist als die Arbeit mit grossen, schweren Landmaschinen. Kleinräumige und strukturreiche Landschaften sind enorm vielfältig und bieten viele Nischen für alle möglichen Lebewesen. Solche Landschaften sind in der Regel ertragreicher, als eine Vergleichsfläche, die mit industriell landwirtschaftlichen Methoden bewirtschaftet wird. Neben dem Ertrag spielt natürlich auch der Gewinn für das Menschliche Gemüt, die Resistenz gegen Schädlinge und Krankheiten, sowie die Absenz von chemischen Mitteln eine wichtige Rolle. Eine Nebenbemerkung: Konservendosen aus der Fabrik sind bis vor noch nicht so langer Zeit mit einem Lack ausgestrichen worden, der sich, wie man nun weiss, teilweise in der Nahrung auflöste (Vgl. dazu Arte Dok „Mahlzeit! Hexenküche Lebensmittelindustrie“).


Zusammenfassend kann man sagen, dass die Autorin das grosse Ganze schlicht nicht erkennt. Sie pickt sich einige Kritikpunkte heraus, die ihr nicht passen und rechtfertigt so ihre Meinung. Es hat den Anschein die Autorin fühlt sich von diesem Trend, dieser Bewegung in die Ecke gedrängt. Vielleicht fühlt sie sich durch die Bewegung bedroht, weil sie selber das Gefühl hat, keinen Zugang dazu zu haben, da sie ja schon seit ihrer Kindheit nicht gerne bastelt und ihr Sauerkraut aus dem Supermarkt besser schmeckt als Selbstgemachtes. Da fehlen der Autorin vielleicht auch einfach einige wichtige Erfahrungen...


Grenzen der Permakultur

Die Autorin erkennt tatsächlich existierende Probleme des Selbermachens. Sobald das Selbermachen zur Selbstinszenierung wird, verfehlt es sehr wahrscheinlich den Zweck der Nachhaltigkeit und damit die aktivistische Note.

Bei einem Trend macht man mit um dazuzugehören, meistens unbewusst. Das ist menschlich, diese Anziehung beruht auf dem Trieb nach Anerkennung und Zugehörigkeit. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die selbstgemachten Werke als Mittel missbraucht werden, sich so zu zeigen, wie man sich gerne sehen würde, bzw. damit eine Zugehörigkeit zu zeigen. Das ist jedoch nicht das Problem dieser Bewegung des Selbermachens, es ist ein tief verwurzeltes Problem in der menschlichen Psyche, ein alter Überlebensinstinkt, nämlich das Ego. Diesem Problem kann man nur durch mehr Sein entgegen wirken, mehr Bewusstheit. Der Kapitalismus befeuert jedoch das Bedürfnis nach Haben. Das ist ein grundlegendes Problem, wer mehr darüber erfahren will, dem sind die Bücher „Haben oder Sein“ von Erich Fromm und „Eine neue Erde“ von Eckhard Tolle empfohlen.

Dass die Idee von Selbermachen als Lösung für die Probleme unserer Gesellschaft gesehen wird und das dies anscheinend als „ultimative Form“ von Selbstermächtigung und Rebellion präsentiert wird, da hat die Autorin Recht, ist falsch oder zumindest übertrieben. Wenn man das Selbermachen jedoch als Teil der Lösung sieht, der sich noch in Entwicklung befindet, dann ist man auf dem richtigen Weg. Es gibt nicht „die Lösung“, das sollte allen klar sein. Sie müssen an die Gegebenheiten angepasst werden und durch eine immer wiederkehrende Reflexion verbessert bzw. an die aktuellen Umstände angepasst werden.


Die Grenzen der Permakultur erkenne ich jedoch noch lange nicht. Da die Permakultur ein holistisches Konzept ist und im Moment vieles ausprobiert und entdeckt wird in diesem Bereich, ist es schwer zu sagen, wo die Grenzen sind. Im besten Fall entspricht das Permakultur tatsächlich seinem Vorbild, nämlich der Natur und lässt sich und seine Funktionen auf alle Lebensbereiche anwenden. Das würde heissen, der Permakultur sind praktisch keine Grenzen gesetzt.


Literaturtipp: Die Welt reparieren / Open Source und Selbermachen als postkapitalistische Praxis / Baier, Hansing, Müller und Werner (Hg.) / transcript Verlag, 2016 // Weltweit experimentieren neue Aktuere* mit kleinteiligen Lösungen für die Nahrungsmittel- und Energieproduktion, aber auch für Design und eine für alle zugängliche Technik. Jenseits von Markt und Staat entstehen faszinierende Formen des kollaborativen Produzierens, Reparierens und Teilens, die den industriellen Kapitalismus herausfordern und überschreiten. Das Buch widmet sich dieser vielversprechendne Praxis und bietet zugleich eine gesellschaftliche Einordnung der neuen "Labore" postkapitalistischen Fabrizierens.

In dieser Serie stellen Teilnehmer*innen von Planofuturo Bildungsformaten Projekte, Geschichten, Erlebnisse etc. aus ihrem Permakultur-Lernweg vor.


Mischa Brüschweiler absolviert seit 2021 den PDC nach Mass von Planofuturo. Diese Replik ist entstanden im Rahmen des Bausteines "Philosophie der Permakultur".


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